Wieder mal ist 9. September. Der Tag des alkoholgeschädigten Kindes! Toll.

Im Fernsehen wird der eine oder andere Erstaufklärungsbeitrag laufen, in den Zeitungen wird etwas gedruckt, in den sozialen Medien taucht ein neuer Blog, Erklärfilm oder Betroffenen-Video auf. Die zahlreichen Initiativen posten natürlich was. Alles buhlt um Aufmerksamkeit. Lesen Sie hier weiter.

Mehr Dia­gnos­tik zu FASD bei Erwachsenen

Gemes­sen am Bedarf sind die Ange­bo­te zu einer Dia­gnos­tik für Erwach­se­ne noch sehr über­schau­bar. Man kann es aber als einen Erfolg jah­re­lan­ger Auf­klä­rungs­be­mü­hun­gen wer­ten, dass die Nach­fra­ge gera­de alle Kapa­zi­tä­ten über­steigt und ste­tig wei­ter­wächst. Es gibt War­te­zei­ten von bis zu einem Jahr.

Das ist – neben den all­ge­mein lan­gen War­te­zei­ten für Bedarfs­fest­stel­lun­gen und Bewil­li­gun­gen von Leis­tun­gen – sowohl für die Betrof­fe­nen, als auch für die sich beglei­tend küm­mern­den Ange­hö­ri­gen oder Fach­leu­te aus den Berei­chen Betreu­ung, Ver­sor­gung und sozia­ler Arbeit beson­ders belas­tend, denn die Zer­rüt­tung durch bis­lang unzu­rei­chen­de, fal­sche oder voll­stän­dig feh­len­de Hil­fen ist bei vie­len Betrof­fe­nen bereits ein Teil des Stö­rungs­bil­des gewor­den. Das erschwert die Dia­gno­se bei Erwach­se­nen zusätz­lich. Die Aus­prä­gun­gen von komor­bi­den Stö­run­gen (Beglei­ter­kran­kun­gen) beson­ders im psy­chi­schen Bereich – dys­funk­tio­na­len Ver­hal­tens­wei­sen, sozia­ler Insta­bi­li­tät, Dro­gen­kon­sum und meist ver­zö­ger­ter Rei­fung kön­nen den Blick auf FASD-typi­sche Merk­ma­le ver­stel­len, beson­ders für die Dia­gno­sen pFAS und ARND.

Die­ses Pro­blem könn­te ein ein­deu­ti­ges Bekennt­nis der Müt­ter zu ihrem Alko­hol­kon­sum in der Schwan­ger­schaft aus dem Weg räu­men, aber das ist schon bei Kin­dern und Jugend­li­chen nicht sel­ten ein Pro­blem. Bei Erwach­se­nen liegt die Erin­ne­rung noch wei­ter zurück und es gibt oft kei­ne ver­trau­te Bezie­hung mehr. Eine schon frü­he­re Ver­drän­gung oder Leug­nung von Kon­sum­ge­wohn­hei­ten hat sich eher noch ver­fes­tigt. Gera­de wenn es kaum glaub­haft ist, dass es neben Dro­gen und Ziga­ret­ten oder einem alko­hol­ab­hän­gi­gen Part­ner kein Gläs­chen von die­sem oder jenem gege­ben haben soll.

Das wird sich auch so schnell nicht ändern, weil wir das Bekennt­nis der Müt­ter nicht beein­flus­sen kön­nen. Ohne die­se wich­ti­ge Säu­le in den Dia­gno­se-Kri­te­ri­en ist es beson­ders schwie­rig, die oft glei­chen Sym­pto­ma­ti­ken von ande­ren Stö­run­gen zu unter­schei­den, beson­ders bei den Merk­ma­len, die sich auf das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem bezie­hen. Das kann aber durch die Wei­ter­ent­wick­lung der S3-Leit­li­ni­en zur FASD – Dia­gnos­tik und der Eva­lu­ie­rung wei­te­rer Dia­gno­se­instru­men­te teil­wei­se oder gänz­lich aus­ge­gli­chen werden.

Unab­hän­gig davon müss­ten für die all­ge­mei­ne Aner­ken­nung der Dia­gno­se bei Erwach­se­nen die Kri­te­ri­en für eine geis­ti­ge Behin­de­rung erwei­tert wer­den, die zur­zeit an einen IQ unter 70 gebun­den sind. Mit bei­den Anpas­sun­gen lie­ße sich auch die sozi­al­recht­li­che Ver­an­ke­rung der Dia­gno­se verbessern.

Es geht also nicht nur dar­um, die Anzahl der Anbie­ter für Dia­gno­se­mög­lich­kei­ten zu erhö­hen, son­dern auch für ver­bes­ser­te Stan­dards und deren Doku­men­ta­ti­on in den gebräuch­li­chen Klas­si­fi­ka­tio­nen und Leit­li­ni­en zu sor­gen. Ers­te Ver­bes­se­run­gen hier­zu wird es im kom­men­den ICD 11 geben, aber eben nur Ver­bes­se­run­gen. Die von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) her­aus­ge­ge­be­ne inter­na­tio­na­le sta­tis­ti­sche Klas­si­fi­ka­ti­on der Krank­hei­ten und ver­wand­ter Gesund­heits­pro­ble­me wird kurz als ICD bezeichnet.

Für die­se Auf­ga­be hof­fen wir auf Inter­es­se und Unter­stüt­zung aus der Fach­welt, sowie der Poli­tik. Unse­re Akti­on wird also zunächst dar­aus bestehen, die­ses Inter­es­se her­zu­stel­len und fach­lich im Detail zu begründen.

Wer uns dabei hel­fen will, ist herz­lich will­kom­men, denn es bedarf einer Viel­zahl ein­zel­ner Aktio­nen, um das zu erreichen.


Wei­ter­füh­ren­de Informationen

Feta­le Alko­hol­spek­trums­tö­run­gen (FASD) Dia­gno­se im Erwachsenenalter
Vor­trag von Prof. Dr. Lud­ger Kai­ser, Psych­ia­ter, Kin­der- und Jugendpsychiater