Wieder mal ist 9. September. Der Tag des alkoholgeschädigten Kindes! Toll.

Im Fernsehen wird der eine oder andere Erstaufklärungsbeitrag laufen, in den Zeitungen wird etwas gedruckt, in den sozialen Medien taucht ein neuer Blog, Erklärfilm oder Betroffenen-Video auf. Die zahlreichen Initiativen posten natürlich was. Alles buhlt um Aufmerksamkeit. Lesen Sie hier weiter.

Rele­vanz von FASD bei psy­chi­schen Erkrankungen

Die schwer­wie­gends­ten Beein­träch­ti­gun­gen durch ein FASD lie­gen im Bereich der soge­nann­ten Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen (EF). Das heißt, dass alle Vor­ha­ben, die meh­re­re auf­ein­an­der abge­stimm­te Hand­lungs­schrit­te über eine län­ge­re Zeit­schie­ne erfor­dern, meis­tens schei­tern, oft trotz guter Vor­sät­ze. Das Zusam­men­spiel meh­re­rer Kom­pe­ten­zen, wie theo­re­ti­sche Pla­nung, prak­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die Beherr­schung ver­schie­de­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men, Selbst­re­gu­lie­rung, Merk­fä­hig­keit, Impro­vi­sa­ti­on, Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz etc. funk­tio­niert nicht aus­rei­chend und lässt sich weder durch Vor­satz noch durch Anlei­tung nach­hal­tig ver­bes­sern. Auch das Ler­nen durch Erfah­rung weicht sehr von nor­ma­len Stan­dards ab. Schon die Bewäl­ti­gung all­täg­li­cher Auf­ga­ben ist oft eine Über­for­de­rung. Hier ent­steht sowohl bei den Betrof­fe­nen als auch den Ange­hö­ri­gen aller­größ­te Frus­tra­ti­on, gehö­ren dazu doch Fähig­kei­ten, wel­che die meis­ten Men­schen so mühe­los beherr­schen, dass sie sich des­sen noch nicht mal bewusst sind.

Ist die hirn­or­ga­ni­sche Ursa­che die­ses mas­si­ven Defi­zits nicht bekannt, kommt es im All­tag immer wie­der zu Erwar­tun­gen, wel­che die Betrof­fe­nen dann regel­mä­ßig ent­täu­schen. Weil sie auf den ers­ten und zwei­ten Blick nicht so wir­ken, traut man ihnen mehr zu und wird nach eini­gen Wie­der­ho­lun­gen sol­cher Ent­täu­schun­gen reflex­ar­tig nach Erklä­run­gen suchen. Die meint man als Laie dann in per­sön­li­chem Fehl­ver­hal­ten zu fin­den, ver­mu­tet sogar Vor­satz und mut­wil­li­ge Täu­schung, ist ver­är­gert, weil selbst mit gro­ßer Empha­se getrof­fe­ne Ver­ein­ba­run­gen nicht ein­ge­hal­ten wer­den und kein nen­nens­wer­tes Schuld­ge­fühl erkenn­bar ist.

In psych­ia­tri­schen Zusam­men­hän­gen reagiert man natür­lich „pro­fes­sio­nel­ler“, kann man die Defi­zi­te doch lehr­buch­mä­ßig mit den Defi­zi­ten eini­ger psy­chi­scher Erkran­kun­gen erklä­ren. Und ja, das kommt bei einer zusätz­li­chen oder komor­bi­den psy­chi­schen Erkran­kung auch ver­stär­kend hin­zu. Auch die zusätz­li­chen Ein­schrän­kun­gen der Moti­va­ti­on und Erleb­nis­fä­hig­keit durch die unver­meid­li­che Behand­lung mit Psy­cho­phar­ma­ka und deren teils hef­ti­gen Neben­wir­kun­gen pas­sen ins Bild. Dadurch wird die Beur­tei­lung der Ursa­chen für die Ein­schrän­kung der Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen ohne spe­zi­el­les Wis­sen zu FASD nahe­zu unmög­lich. Dass hin­ter den Defi­zi­ten eine Behin­de­rung mit orga­ni­schen Ursa­chen ste­cken könn­te, wird nicht mehr gese­hen. Dass eine unvoll­stän­di­ge oder gar Fehl­ein­schät­zung wie­der­um ihre eige­nen Kon­se­quen­zen hat, bis hin zur Fehl­be­hand­lung, schließt den Teu­fels­kreis, denn auch das ver­stärkt die aus­schließ­li­che Sicht auf die psy­chi­sche Erkrankung.

Erst beim nähe­ren Hin­se­hen und meh­re­ren Erfah­run­gen, unter wel­chen Umstän­den Stö­run­gen der Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen zum Tra­gen kom­men, ent­deckt man einen Unter­schied zu Stö­rung die­ser Funk­tio­nen, wie sie auch durch ande­re psy­chi­sche Erkran­kun­gen ver­ur­sacht wer­den. Signi­fi­kant ist: The­ra­pie­er­fol­ge bei den psy­chi­schen Pro­ble­men wir­ken sich nicht oder nur gering­fü­gig auf die Defi­zi­te bei den Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen aus. Sie blei­ben qua­si kon­stant. Auf­fäl­lig ist auch, dass die Stö­run­gen bei außer­ge­wöhn­li­cher emo­tio­na­ler Moti­va­ti­on kurz­fris­tig über­wun­den wer­den kön­nen, was den tra­gi­schen Kreis­lauf von Erwar­tung und Ent­täu­schung eher befeuert.

Wenig erforscht ist die Aus­wir­kung der Defi­zi­te bei den Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen auf die all­ge­mei­nen Fähig­kei­ten zur kogni­ti­ven Dif­fe­ren­zie­rung, zumal die meis­ten Betrof­fe­nen eine weit­ge­hend nor­ma­le Intel­li­genz haben. Kogni­ti­ve Ein­schrän­kun­gen wer­den nor­ma­ler­wei­se nur geis­tig Behin­der­ten zuge­ord­net wer­den, die für die­sen Sta­tus gemäß ICD einen IQ unter 70 haben müs­sen. Hin­zu kommt, dass Fähig­kei­ten zur kogni­ti­ven Dif­fe­ren­zie­rung mit den übli­chen Tests nicht erfasst wer­den. Ein Defi­zit dahin­ge­hend äußert sich vor allem beim Ver­ständ­nis von kom­ple­xe­ren Kon­zep­ten mit abs­tra­hie­ren­den Ele­men­ten, die das Zusam­men­spiel – oder bes­ser die Zusam­men­schal­tung – grund­le­gen­der Kom­pe­ten­zen auf meh­re­ren Ebe­nen erfor­dert, wie Wis­sen, Gefühl, Begrei­fen eines kom­ple­xen Sach­zu­sam­men­hangs, gesell­schaft­li­che Kon­ven­ti­on, Moral, Ethik, Wahr­neh­mung ande­rer, Logik, Kri­tik. Aus die­sem Grund sind trotz nor­ma­ler Intel­li­genz, oft hoher Sen­si­bi­li­tät und aus­rei­chen­dem fak­ti­schem Ver­ständ­nis viel­schich­ti­ge Kon­zep­te ent­we­der per se eine Über­for­de­rung oder wer­den erst gar nicht ver­stan­den oder über­haupt gesehen.

Für the­ra­peu­ti­sche Stra­te­gien hat das inso­fern Aus­wir­kun­gen, als das tie­fe­re Erken­nen und Ver­ständ­nis für eigen-psy­cho­lo­gi­sche Pro­zes­se, wie sie für die meis­ten psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Pro­zes­se vor­aus­ge­setzt wer­den, nicht aus­reicht. Das Ver­ständ­nis für kom­ple­xe­re Ver­hal­tens­re­geln, wie sie zum Bei­spiel in Bezie­hun­gen oder am Arbeits­platz gel­ten, bleibt unter­ent­wi­ckelt. Dem­entspre­chend sind die prak­ti­schen Kon­se­quen­zen in die­sen Berei­chen. Freund­schaf­ten und Lie­bes­be­zie­hun­gen sind schwie­rig, regel­mä­ßi­ges Arbei­ten in kom­ple­xe­ren Aus­bil­dungs­be­ru­fen nahe­zu unmög­lich. Talen­te und Kom­pe­ten­zen kön­nen nicht aus­ge­schöpft, Res­sour­cen nicht genutzt wer­den. Die meis­ten wür­den sich auch nur mit äuße­rer Unter­stüt­zung ent­fal­ten. Dafür gäbe es Kon­zep­te, aber man muss um die spe­zi­fi­schen Gren­zen bei einer Schä­di­gung durch FASD wis­sen und sie auch ver­in­ner­licht haben, um die täg­li­chen Abwei­chun­gen vom Regel­werk in bei­den Berei­chen mitzutragen.

Die kogni­ti­ven Ein­schrän­kun­gen erin­nern beson­ders im Bereich der Merk- und Lern­fä­hig­keit an Sym­pto­me einer Demenz. Gelern­tes oder Begrif­fe­nes wird wie­der ver­ges­sen, selbst wenn man der Über­zeu­gung war, dass jemand etwas (end­lich) ver­stan­den oder gelernt hat. Den Betrof­fe­nen ist das meist nicht bewusst. Sie lei­den viel­mehr sehr real unter dem Ärger ihrer Umwelt, die die­sen ohne Wis­sen um FASD kaum unter­drü­cken kann. Bei den Betrof­fe­nen löst die­ser Ärger wie­der­um oft* – aus ihrer Sicht zurecht – aggres­si­ve Gegen­wehr aus, hat man doch die Ursa­che für den Ärger ande­rer ver­ges­sen. Man fühlt sich grund­los ein­fach nur schlecht und unge­recht behan­delt. Auch dazu wie­der die Erwäh­nung, dass allein die­ser Wirk­me­cha­nis­mus sei­ne eige­nen Kon­se­quen­zen hat. Auch Men­schen ohne FAS oder psy­chi­sche Erkran­kun­gen wür­den sich ver­än­dern, wenn sie sich dau­er­haft nicht ver­stan­den und unge­recht behan­delt fühlen.

*Begrif­fe wie oft, meis­tens oder ähn­li­che sind absicht­lich gewählt, weil es sich bei FASD um ein Syn­drom mit sehr viel­fäl­ti­gen und sel­ten ein­heit­li­chen Aus­prä­gun­gen han­delt. Die indi­vi­du­el­len Unter­schie­de kön­nen sehr groß sein, was die Erkenn­bar­keit ent­spre­chend schwie­rig macht.

Eine ande­re Kon­se­quenz der bis­her geschil­der­ten kogni­ti­ven Defi­zi­te ist die meist ein­ge­schränk­te oder erheb­lich ent­wick­lungs­ver­zö­ger­te Aus­prä­gung einer alters­ge­rech­ten bezie­hungs­wei­se rei­fen Selbst­ein­schät­zung. Ähn­lich den Ein­schrän­kun­gen bei den Exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen ist sie, unab­hän­gig von the­ra­peu­ti­schen Erfol­gen bei ande­ren psy­chi­schen Pro­ble­men, recht kon­stant und wenig ent­wick­lungs­fä­hig, selbst nach extre­men Erfah­run­gen. Hier­für gibt es aller­lei Kom­pen­sa­tio­nen der Betrof­fe­nen, die auch alle an Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men bei ande­ren psy­chi­schen Stö­run­gen erin­nern und von daher ohne spe­zi­el­les Wis­sen kaum zu unter­schei­den sind. Selbst­ver­trau­en und Zuver­sicht kön­nen einer­seits man­gels rea­lis­ti­scher Selbst­ein­schät­zung und ein­ge­schränk­ter Lern­fä­hig­keit erhöht sein, sind aber genau des­we­gen wenig authen­tisch. Die Dif­fe­renz zwi­schen münd­li­cher Selbst­dar­stel­lung und prak­ti­scher Selbst­wirk­sam­keit ist signi­fi­kant. Da vie­le über gute sprach­li­che Fähig­kei­ten und eine hohe Sen­si­bi­li­tät für die Erwar­tun­gen ande­rer ver­fü­gen, die ohne Wis­sen um FASD meis­tens über­höht sind, ist der Typus des Blen­ders nicht selten.

Aus Sicht eines Betrof­fe­nen ist die­ses Ver­hal­ten ver­ständ­lich, denn obwohl FASD kein psy­chi­sches Pro­blem ist, sind sei­ne Aus­wir­kun­gen für die Betrof­fe­nen krän­kend. Krän­kun­gen füh­ren auch bei Men­schen ohne zere­bra­le Schä­di­gun­gen zu hef­ti­gen psy­chi­schen Reak­tio­nen und kom­pen­sie­ren­den Ver­hal­tens­mus­tern. Über­haupt sind die zahl­rei­chen Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten von FASD-Betrof­fe­nen nicht nur eine Fol­ge der Schä­di­gun­gen, son­dern soll­ten auch als oft nor­ma­le Reak­tio­nen auf eine krän­ken­de Lebens­si­tua­ti­on gese­hen wer­den, für deren Bewäl­ti­gung ihnen die Mit­tel feh­len. Sie sind viel­mehr auf Ver­ständ­nis und Unter­stüt­zung ande­rer ange­wie­sen. Statt­des­sen kommt es auch hier nicht sel­ten zu Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen bis dahin, dass die Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten als Per­sön­lich­keits­stö­run­gen gese­hen und behan­delt werden.

FASD kenn­zeich­net vor allem all­täg­li­che Über­for­de­rung. Auch die schlägt sich nicht adäquat in den gän­gi­gen Tests nie­der. Es gibt zwar Hin­wei­se auf man­geln­de Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit und eine lang­sa­me Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung, unab­hän­gig von sons­ti­gen Befind­lich­kei­ten, aber die Fähig­kei­ten, sich selbst zu hel­fen zei­gen sich eher nicht in einer Test­si­tua­ti­on. Dabei ist gera­de die­se oft auf einem sehr nied­ri­gen Niveau.

Die Affi­niti­tät für psy­cho­ge­ne Sub­stan­zen – falls nicht sowie­so meis­tens durch gene­ti­sche und sozia­le Dis­po­si­tio­nen ange­legt – ist erhöht. Eine Behand­lung ent­spre­chend schwie­rig, weil Sub­stan­zen wie Speed oder Koka­in als Nor­ma­li­sie­rung der Gehirn­tä­tig­keit emp­fun­den wer­den. Es hilft die man­geln­de Kon­zen­tra­ti­on und inne­re Unru­he zu regu­lie­ren. Wie Rita­lin bei ADHS hilft es den Betrof­fe­nen sich zu fokus­sie­ren und somit nor­ma­le Tätig­kei­ten voll­enden zu kön­nen. Es wird dem­entspre­chend auch bei FASD als The­ra­peu­ti­kum eingesetzt.

Zusam­men­fas­sung

Dass eine orga­ni­sche Schä­di­gung der zere­bra­len Funk­tio­nen die Leis­tungs- und Ent­wick­lungs­fä­hig­keit ein­schränkt, liegt auf der Hand. Dass die­se Ein­schrän­kun­gen Kon­se­quen­zen haben wer­den, die sich in men­ta­len, see­li­schen und psy­chi­schen Stö­run­gen sowie aller­lei Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten nie­der­schla­gen, ist nahe­lie­gend. Dass die­se leicht mit dem wei­ten Spek­trum von Stö­run­gen durch rein psy­chi­sche Erkran­kun­gen, Trau­ma­ta etc. ver­wech­selt wer­den, eben­so. Das aus­ein­an­der zu drö­seln, zumal die hel­fen­den Beru­fe hier nicht unbe­dingt zu glei­chen Ergeb­nis­sen kom­men, ist für die Betrof­fe­nen nicht hilf­reich und zusätz­lich ver­wir­rend. Es braucht die Bün­de­lung fach­über­grei­fen­der Kom­pe­ten­zen, um mit FASD einen Umgang zu fin­den, der sich auch im Sin­ne einer gerech­ten Teil­ha­be auswirkt.


Für eng­lisch­spra­chi­ge Leser, die das The­ma ver­tie­fen möch­ten, emp­feh­len wir das Inter­view mit Dr. Sus­an Rich auf dem Blog FASD Suc­cess. Dr. Rich eräu­tert, war­um wir trotz aller Kennt­nis­se über FASD immer noch mit Pro­ble­men bei Prä­ven­ti­on, Bewusst­sein, Erken­nung und Unter­stüt­zung zu kämp­fen haben.