Wieder mal ist 9. September. Der Tag des alkoholgeschädigten Kindes! Toll.

Im Fernsehen wird der eine oder andere Erstaufklärungsbeitrag laufen, in den Zeitungen wird etwas gedruckt, in den sozialen Medien taucht ein neuer Blog, Erklärfilm oder Betroffenen-Video auf. Die zahlreichen Initiativen posten natürlich was. Alles buhlt um Aufmerksamkeit. Lesen Sie hier weiter.

Für Ange­hö­ri­ge & Bezugspersonen

Mal eins vor­weg: Der­zeit sind die, die mit FASD jeden Tag leben und sich oft mit gro­ßem Ein­satz küm­mern, die wirk­li­chen Fach­leu­te. Es gibt zur­zeit noch kei­nen Abschluss, weder in der Medi­zin, noch in sozia­ler Arbeit, noch in der Juris­tik, der jemand nach aka­de­mi­schen Regeln als Fach­kraft für FASD qua­li­fi­zie­ren wür­de*. Die ange­bo­te­nen Aus­bil­dun­gen zur FASD-Fach­kraft über den Son­nen­hof in Ber­lin, über die FH Müns­ter oder über den Inter­na­tio­na­len Bund e.V. bie­ten einen sehr guten Ein­stieg in die gesam­te Pro­ble­ma­tik, sind freie Initia­ti­ven, deren Abschluss den Wert einer inten­si­ven Fort­bil­dung hat, aber nicht mehr. Bis es zu zer­ti­fi­zier­ten Lehr­gän­gen in den übli­chen Aus­bil­dun­gen kommt, ist das die bes­te Mög­lich­keit, sich für FASD zu qua­li­fi­zie­ren und es soll­te mehr davon geben.

Aber auch die ersetzt nicht die tag­täg­li­chen Erfah­run­gen, die nahe Ange­hö­ri­ge & Bezugs­per­so­nen machen. War­um das bei FASD so ele­men­tar ist, hat fol­gen­de Gründe:

  • Ohne Wis­sen um die grund­sätz­li­che Schä­di­gung, die genau genom­men eine kör­per­li­che Behin­de­rung mit psy­chi­schen Kon­se­quen­zen ist, wer­den vie­le Defi­zi­te und Ver­hal­tens­wei­sen schlicht falsch inter­pre­tiert. Z.B. wird die grund­sätz­li­che Über­for­de­rung bei selbst den all­täg­lichs­ten Anfor­de­run­gen von Außen­ste­hen­den nicht gese­hen, oder deren Aus­maß extrem unterschätzt.
  • Wich­ti­ge Leit­li­ni­en der­zei­ti­ger Päd­ago­gik – oder auch Moral – funk­tio­nie­ren im All­tag nicht. Im Gegen­teil, sie machen alles nur noch schlim­mer! Zu Begrif­fen wie Kon­se­quen­zen, Ziel­ver­ein­ba­run­gen, Ver­ein­ba­run­gen über­haupt, Eigen­ver­ant­wor­tung, Selbst­be­stim­mung u.v.m. muss man einen neu­en Zugang fin­den und ein­sei­tig anfan­gen etwas zu verändern.
  • Die kogni­ti­ven Ein­schrän­kun­gen las­sen sich nicht mit den gän­gi­gen Tests erfassen.
  • Nur enge Bezugs­per­so­nen erle­ben die zusätz­li­che Trau­ma­ti­sie­rung – und ja, die­ser dra­ma­ti­sche Begriff ist ange­mes­sen – die Men­schen mit FASD durch dau­ern­de Fehl­ein­schät­zung, fal­sche Erwar­tun­gen, Nicht­er­fül­lung ihrer Bedürf­nis­se usw. erfah­ren. Die allei­ne führt zu zusätz­li­chen Defi­zi­ten, deren Aus­wir­kung von Außen­ste­hen­den eben­falls nicht als sol­che iden­ti­fi­ziert wird.

All die­se beson­de­ren Dis­po­si­tio­nen muss man erle­ben, weil nur sie wirk­li­che Ver­än­de­run­gen in der eige­nen Hal­tung aus­lö­sen. Und nur die ver­set­zen jemand über­haupt in die Lage, Lösun­gen zu fin­den, wie alle mit FASD bes­ser leben kön­nen. Alle Ange­hö­ri­gen ent­wi­ckeln über kurz oder lang die Ein­stel­lung, dass es um Hel­fen statt Hei­len geht, und sind gerührt davon, hin­ter den oft hef­ti­gen täg­li­chen Kon­flik­ten á la Täg­lich grüßt das Mur­mel­tier jene meist sehr lie­bens­wer­ten und sen­si­blen Men­schen zu ent­de­cken, die mehr als vie­le ande­re auf ein grund­sätz­li­ches Ver­ständ­nis ange­wie­sen sind, nein mehr: ein Recht dar­auf haben!

Fazit: Las­sen Sie sich nicht von Titel- oder Kit­tel-Auto­ri­tät ein­schüch­tern. Sie wis­sen es aller­meis­tens nicht bes­ser als Sie! 

Ent­spre­chend die­ser Schief­la­ge ist die Wahr­neh­mung der Belas­tung von Ange­hö­ri­gen und engen Bezugs­per­so­nen. Kri­ti­sche Pfle­ge­el­tern müs­sen dar­um ban­gen, dass ihnen die Kin­der weg­ge­nom­men wer­den, enga­gier­te Ange­hö­ri­ge wer­den mit Beur­tei­lun­gen ihres Ver­hal­tens kon­fron­tiert, die ange­sichts der Not­la­ge ihrer Schütz­lin­ge nur mit einer Extra-Por­ti­on Resi­li­enz zu ertra­gen sind. Ent­ge­gen groß­mäu­li­ger Behaup­tun­gen, die Exper­ti­se von Ange­hö­ri­gen mit ein­zu­be­zie­hen, ist Aus­gren­zung, Igno­ranz, Gering­schät­zung bis hin zu offe­nen Ver­däch­ti­gun­gen, sel­ber Ursa­che für die Pro­ble­me zu sein, an der Tages­ord­nung. Das stellt im All­tag der beson­de­ren Belas­tun­gen, für die man hän­de­rin­gend Ver­ständ­nis und Unter­stüt­zung sucht, eine Krän­kung und Ohn­machts­er­fah­rung dar, die ihre eige­nen Kon­se­quen­zen hat und des­halb eige­ne Auf­merk­sam­keit verdient.

Bei­den geschil­der­ten Umstän­den, dem Fach­wis­sen und der beson­de­ren Belas­tung, wol­len wir hier ein Forum bieten.


*Alle FASD-Fach­leu­te haben sich außer­halb ihrer aner­kann­ten Aus­bil­dung selbst weitergebildet.